Nicht jeder muss dich mögen
… oder warum es so viel Kraft kostet, ständig gefallen zu wollen – und wie befreiend es ist, bei sich selbst zu bleiben
Früher war es mir unglaublich wichtig, dass andere mich mögen. Ich wollte angenehm sein, verständnisvoll, hilfsbereit, unkompliziert. Ich wollte niemanden enttäuschen, keine Umstände machen, keinen Konflikt provozieren. Also sagte ich oft Ja, obwohl ich eigentlich Nein meinte. Ich hörte zu, kümmerte mich, machte möglich, organisierte, trug mit. Nach außen wirkte das vermutlich souverän und fürsorglich – doch innerlich war ich oft erschöpft. Denn dieses ständige Gefallen-Wollen hatte wenig mit echter Großzügigkeit zu tun und sehr viel mit alten Mustern.
Heute weiß ich: People Pleasing entsteht nicht einfach so. Dahinter steckt häufig die tiefe Überzeugung, nur dann wertvoll zu sein, wenn man gebraucht wird, wenn man harmonisiert, wenn man Erwartungen erfüllt. Auch ich habe lange geglaubt, dass Liebe und Anerkennung etwas sind, das man sich verdienen muss. Also passte ich mich immer wieder an, nahm Rücksicht bis über meine eigenen Grenzen hinaus und verlor dabei immer mehr das Gefühl für mich selbst. Mein Körper signalisierte mir das auch in dem jeweiligen Moment. Aber ich hörte ihm nicht zu.
Das Tückische daran ist, dass man sich dabei selbst immer weiter entfernt. Wer ständig damit beschäftigt ist, es allen recht zu machen, lebt irgendwann mehr im Außen als bei sich selbst. Man spürt zwar, dass etwas nicht stimmt, übergeht dieses Gefühl aber immer wieder. Weil man niemanden verletzen möchte. Weil man Angst hat, egoistisch zu wirken. Oder weil man Konflikte vermeiden will. Doch genau das kostet unglaublich viel Kraft. Nicht die anderen Menschen sind das Problem – sondern der permanente innere Druck, gefallen zu wollen.
Inzwischen bin ich Anfang 50. Gerade im vergangenen Jahr hat mir mein Körper verstärkt Signale gesendet, die mir echte Grenzen setzten, so als ob er meine Seele ganz deutlich schützen wollte: Verschenke nicht länger deine kostbare Energie, nur damit bloß niemand enttäuscht ist. Diese Weckrufe haben eins deutlich werden lassen: Ich wollte lernen, mich selbst ernst zu nehmen. Und das bedeutete vor allem eines: Grenzen zu setzen. Nicht hart oder abweisend, sondern sanft und klar. Ein ehrliches „Das passt für mich gerade nicht.“ Ein „Ich brauche Zeit für mich.“ Oder auch einfach das Bewusstsein, nicht ständig verfügbar sein zu müssen.
Am Anfang fühlte sich das ungewohnt an. Fast falsch. Doch je öfter ich bei mir blieb, desto mehr merkte ich, wie befreiend es ist, nicht mehr permanent die Erwartungen anderer zu erfüllen. Ich muss nicht überall dabei sein. Ich muss nicht jede Stimmung retten. Und ich muss mich vor allem nicht verbiegen, damit andere sich wohlfühlen.
Heute fühlt sich mein Leben leichter an. Ruhiger. Ehrlicher. Ich entscheide bewusster, wem und was ich meine Zeit schenke. Ich spüre schneller, wenn mir etwas Energie raubt, und nehme dieses Gefühl ernst. Denn genau das sind sie oft: Energieräuber. Situationen, Verpflichtungen oder auch Menschen, bei denen ich mich selbst verliere, statt gestärkt daraus hervorzugehen. Früher hätte ich darüber hinweggesehen. Heute nicht mehr.
Das bedeutet nicht, dass mir andere egal geworden sind. Im Gegenteil. Ich begegne Menschen nach wie vor mit Wärme, Mitgefühl und Offenheit. Aber nicht mehr um den Preis, mich selbst dabei aufzugeben. Der Unterschied ist: Ich bleibe heute viel mehr bei mir. Weil ich es mir wert bin. Weil meine Zeit und meine Energie kostbar sind. Und weil Selbstbestimmung nichts Egoistisches ist, sondern ein Ausdruck von Selbstachtung.
Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Erkenntnisse meines Lebens geworden: Nicht jeder muss mich mögen. Aber ich selbst sollte mich nicht länger verlassen.
Erkennst du dich in diesen Gedanken wieder? Dann möchte ich dir sagen: Du musst nicht ständig stark, perfekt oder für alle verfügbar sein, um wertvoll zu sein. Du darfst dich selbst wichtig nehmen. Du darfst Grenzen setzen. Und du darfst lernen, dich nicht länger über die Erwartungen anderer zu definieren.
Vielleicht helfen dir diese fünf kleinen Impulse dabei, mehr bei dir selbst zu bleiben – und nicht mehr um jeden Preis gefallen zu wollen:
- Spüre in dich hinein, bevor du zusagst.
Nicht jedes Ja muss sofort ausgesprochen werden. Manchmal liegt die ehrlichste Antwort in einem kurzen Innehalten. - Nimm deine Erschöpfung ernst.
Dauerhafte Müdigkeit ist oft kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Hinweis darauf, dass du zu lange über deine eigenen Grenzen gegangen bist. - Ein Nein macht dich nicht unfreundlich.
Es macht dich klar. Menschen, die dich wirklich schätzen, werden lernen, deine Grenzen zu respektieren. - Du bist nicht verantwortlich für die Gefühle anderer.
Mitgefühl ist wichtig – aber nicht um den Preis deiner eigenen inneren Ruhe. - Frage dich öfter: „Was brauche eigentlich ich?“
Diese Frage verändert mehr, als man denkt. Denn sie bringt dich Schritt für Schritt zurück zu dir selbst.
Und vielleicht beginnt genau dort etwas Neues: Ein Leben, in dem du nicht länger funktionieren musst, sondern dich selbst wieder spürst. Versuch’s mal.
Über die Autorin:
Maren Siewert (Jahrgang 1974). Sie kennt den Autopilot. Sie war selbst darin. Verlust. Scheidung. Neuanfang. Alleinerziehend. Vollzeit. Sie hat erlebt, wie man sich verliert — und sie weiß, wie man sich wiederfindet. Resilienz. Emotionale Intelligenz. Keine Buzzwords — gelebte Realität. Sie verbindet fachliches Know-how mit tiefem, persönlichem Erfahrungswissen – für ein Leben in Klarheit, Mut & Selbstbestimmung.
instagram.com/heldenberg_coaching
(c) Titelbild: Pixabay: Danke!
♥


