Hier kommt der neue Gastbeitrag von Kunsang Choedon Stauffer „Was uns ein Vogelgezwitscher über Achtsamkeit lehrt“:
Als Kind bin ich einmal neben meinem Bruder hergelaufen und habe ihn gefragt, was Meditation eigentlich sei; ob man sich hinsetzen und die Gedanken festhalten müsse. Er hat mich angeschaut und gesagt: „Nein, das geht auch im Gehen“. Man muss nur achtsam sein gegenüber dem, was um einen herum passiert.
Ich bin in einer Umgebung aufgewachsen, in der es viele solche Gelegenheiten gab. Yaks, Pferde, Schafe, Vögel, die Berge, die Gebetsfahnen im Wind. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich – wenn ich einen Vogel wirklich höre und nicht nur nebenbei wahrnehme – genau in diesem Moment bin. Das war meine erste Erfahrung von Achtsamkeit. Niemand hat sie mir in einer Unterrichtsstunde beigebracht. Sie ist einfach im Alltag entstanden.
Zwei Begriffe, die zusammengehören
In der tibetischen Lebensweise wird oft nicht streng zwischen Achtsamkeit und Bewusstheit unterschieden. Dabei lohnt es sich, beide auseinanderzuhalten. Ich erkläre es gerne mit dem Bild eines Autos. Bewusstheit ist zu wissen, wohin man fährt, wie schnell man unterwegs ist und was um einen herum geschieht. Achtsamkeit ist der Blick auf die Strasse selbst, während man fährt, der Moment, in dem der Geist wirklich bei dem ist, was gerade passiert.
Für mich ist Achtsamkeit, wenn man Herz und Bewusstsein ganz in einen Moment legt. Das bleibt dann als schöne Erinnerung, etwas, an das man sich später zurückerinnern kann, weil man wirklich dort war.
Wenn der Ärger kommt
Stell dir vor, jemand rempelt dich an und sagt statt einer Entschuldigung etwas Unfreundliches. Man merkt, wie Ärger aufsteigt. Achtsamkeit bedeutet dann, wahrzunehmen, wie sich dieser Ärger für den Geist und für den Körper anfühlt. Bewusstheit bedeutet, einen Moment innezuhalten und zu erkennen, dass man eigentlich nur seinen Weg gegangen ist. Das Problem liegt nicht bei einem selbst. Wenn beide zusammenwirken, wird vieles leichter. Nicht, weil man die Dinge wegdrückt, sondern weil man sie klar sieht.
Ein kleines Ritual für zu Hause
In meiner Familie hatte der Tag immer einen ruhigen Anfang und ein ruhiges Ende. Ein kurzer Moment am Morgen, um anzukommen, und ein kurzer Moment am Abend, um loszulassen. Oft war das ganz einfach, ein paar Atemzüge, ein Blick aus dem Fenster oder der Duft von Räucherwerk, das langsam durch den Raum zieht. Es geht dabei nicht um eine Technik, sondern um die Absicht, sich diesen Moment bewusst zu nehmen. Ich glaube, genau das habe ich als Kind gelernt, ohne dass es mir jemand beigebracht hat. Achtsamkeit ist mir zugewachsen, durch das Beobachten der Welt um mich herum, durch Rituale, durch das Mitgehen mit den Erwachsenen, durch das bewusste Wahrnehmen von Tieren, Natur und kleinen Momenten.
Vielleicht ist das eine schöne Ergänzung zu allem, was wir hier in Mitteleuropa über Achtsamkeit lernen können. Manchmal reicht es, gemeinsam einen Vogel zu hören.
(c) Kunsang Choedon Stauffer
(c) Foto: Pixabay: Danke!
Zur Autorin:
Kunsang Choedon Stauffer ist in Tibet aufgewachsen und lebt seit elf Jahren mit ihrem Mann in Bern. Gemeinsam führen sie Himalaya Vibes, einen kleinen Laden mit traditionellen Produkten aus dem Himalaya.
Zum Onlineshop genügt ein Klick: Tibet Laden & Online Shop in der Schweiz – Himalaya Vibes Bern
Loslassen, innerer Frieden, Achtsamkeit – drei Gedanken aus dem tibetischen Alltag


