Jörg Böttcher ist Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut sowie zertifizierter Trauma- und Hypnotherapeut in Berlin. Er produziert Hypnose-Audios für Alltagsthemen wie Schlaf, Stress und Ängste. Im Interview erzählt er von seinem Ansatz und wie er selbst gesund durch diese turbulente Zeit kommt.
1. Herr Böttcher, Sie sind Diplom-Psychologe und kennen daher viele der Sorgen oder Nöte der Menschen. Wann war Ihre erste Begegnung mit dem Thema Hypnose? Gab es da ein „Schlüsselerlebnis“? Und wie kam es zu den Hypnose-Audios?
Meine erste Begegnung mit Hypnose war ganz unspektakulär: Bühnenhypnose im Fernsehen. Das hat mich fasziniert, und so habe ich angefangen, mich dafür zu interessieren, und schließlich eine komplette Hypnoseausbildung gemacht.
Ehrlich gesagt war ich in der Ausbildung zunächst ein bisschen enttäuscht. Vieles war ganz anders als in den Shows, und viele Hypnosetherapeuten haben die Bühnenhypnose eher abgewertet. Natürlich muss auf der Bühne alles im Einverständnis mit den Menschen passieren, und niemand darf vor Publikum lächerlich gemacht werden. Aber die Effekte dort sind erstaunlich stark, und das wollte ich verstehen.
Mein Schlüsselerlebnis hatte ich dann in einem Seminar bei Thimon von Berlepsch, der auch Bühnenhypnose macht. Vor etwa zehn Teilnehmern brachte er mich in eine kurze Trance und sagte: „Jörg, gleich passiert etwas Komisches. Ich schnipse mit den Fingern, du öffnest die Augen und hast deinen Namen vergessen.“ Noch während er das sagte, dachte ich: Das funktioniert nie. Ich habe mich innerlich schon darauf eingestellt, die Zuschauer zu enttäuschen. Dann schnipste er, ich öffnete die Augen, und er fragte: „Mein Name ist Thimon. Wie heißt du?“ Und ich wusste es tatsächlich nicht. Er nahm mir sogar das Namensschild vom Hemd und hielt es mir vor die Augen, und ich konnte meinen eigenen Namen nicht lesen. Ich musste lachen und konnte es nicht fassen. Nach dem nächsten Schnipsen war der Name wieder da. Dieses Erlebnis hat mich mehr überzeugt als die ganze Ausbildung davor. Erst da habe ich wirklich verstanden, welches Potenzial in Hypnose steckt.
Zu den Audios kam ich, weil ich im Internet gesehen habe, dass andere Hypnose-Audios anbieten. Ich habe mir einige angehört und dachte: Das kann ich auch, und vielleicht sogar besser. Oft war der Ton schlecht, und die Stimme klang in einem pathetischen, fast magischen Tonfall, der auf viele Menschen eher gruselig wirkt. Das muss gar nicht sein. Ich beginne meine Hypnosen in normalem Tempo und fast in Alltagssprache und werde dann nach und nach langsamer. Mit bestimmten Wendungen und sprachlichen Techniken lade ich die Hörerinnen und Hörer ein, in eine Trance hinüberzugleiten. Dabei hatte ich das Glück, sehr gute Lehrer zu haben, etwa Walter Bongartz und eben Thimon von Berlepsch.
2. In einer Zeit, in der Selbstoptimierungstools beinahe überall zu entdecken sind und manchmal wie eine „Sportübung“ daherkommen: Gibt es da nicht die Gefahr der Überforderung, wenn erst einmal ganz grundlegende Probleme im Vordergrund stehen, zum Beispiel Schlafstörungen, Sucht nach Essen oder Rauchen oder gar Angststörungen?
Ja, diese Gefahr sehe ich. Ich erlebe immer wieder Menschen, die gerade erschöpft sind und trotzdem versuchen, möglichst viel für sich zu tun: Bücher lesen, Yoga, Tanzen, Seminare, eine Methode nach der anderen. Die Idee dahinter ist gut, sie wollen wieder mehr mit sich in Kontakt kommen. Aber wenn daraus ein Programm wird, das man abarbeiten muss, wird es zur nächsten Leistung.
Ich denke an eine Frau, die genau so vorgegangen ist. Geholfen hat ihr am Ende etwas viel Einfacheres: nur wahrzunehmen, wie sie sich gerade fühlt, was es im Körper zu spüren gibt, wie Gedanken auftauchen und wieder verschwinden. Und darauf zu vertrauen, dass sie sich in ihr eigenes Erleben hineinsinken lassen darf. Auch angenehme innere Bilder muss man nicht mühsam erschaffen. Sie entstehen ganz von allein, wenn man es zulässt, und mit ihnen eine gelöste Ruhe.
Genau so verstehe ich Hypnose. Sie ist keine Übung, bei der man etwas schaffen muss. Man hört einfach zu und lässt geschehen. Wer beim Hören einschläft, hat nichts falsch gemacht, im Gegenteil.
Wichtig ist mir aber auch die Grenze: Bei einer Angststörung, einer Sucht oder den Folgen schwerer Erfahrungen ersetzt ein Audio keine Psychotherapie. Dann braucht es professionelle Begleitung, und ein Audio kann höchstens unterstützen.
3. In meiner Wahrnehmung verdichten sich zunehmend die Sorgen der Menschen; diese Unsicherheiten und Instabilitäten sind für die psychische Gesundheit nicht unbedingt förderlich. Wie erleben Sie persönlich diese Zeit und was sind Ihre 3 besten Impulse, um gesund zu bleiben?
Ich erlebe diese Zeit auch als herausfordernd. Der Klimawandel, gewaltvolle Konflikte, die sich zuzuspitzen scheinen, und eine wachsende Isolation, die oft mit sozialen Medien und dem Leben im Internet einhergeht: Das geht an niemandem spurlos vorbei, auch an mir nicht.
Was mich trägt, klingt vielleicht ungewohnt, aber es ist meine ehrliche Antwort: Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass wir reines Bewusstsein sind, ein Gewahrsein, in dem alle Gedanken, Gefühle und Sorgen auftauchen und wieder vergehen. Es gibt dabei keinen Unterschied zwischen einem scheinbaren Ich und einer scheinbaren Außenwelt. Die ganze Welt ist nichts anderes als Bewusstsein. Das ist für mich kein Glaube und keine Theorie, sondern etwas, das ich unmittelbar erlebe. Dieses Wissen schenkt mir einen tiefen Frieden, auch wenn in der Welt vieles unruhig ist. Und es ist nichts Abgehobenes, sondern zeigt sich ganz konkret im Alltag.
Daraus ergeben sich meine drei Impulse:
Erstens: Innehalten und wahrnehmen. Ein paar Mal am Tag kurz stoppen und bemerken, was gerade da ist, im Körper, im Herzen, in den Gedanken. Ohne etwas zu verändern. Wer das übt, merkt: Ich bin nicht meine Sorgen, ich bin der Raum, in dem sie kommen und gehen. Ich leite selbst eine Meditationsgruppe, weil mir dieses Erleben so wichtig ist.
Zweitens: In den Körper gehen. Für mich sind das Kung Fu, Qigong, Joggen, Schwimmen und Tanzen. Bewegung holt uns aus dem Kopf und baut Stress dort ab, wo er sich festsetzt.
Drittens: Echte Begegnungen. Freunde treffen, gemeinsam lachen, Zeit mit der Familie. Gerade weil so viel Kontakt heute über Bildschirme läuft, ist die Begegnung von Mensch zu Mensch ein starkes Gegengewicht zur Isolation.
♥ Herzlichen Dank für das aufschlussreiche Interview, lieber Herr Böttcher! ♥
Hier geht es direkt zu den Audios sowie zu seinem Ratgeber-Blog: hypnose-audios.com
Hinweis zu den Audios:
Dieses Audio ist keine Therapie und ersetzt keine Behandlung. Wenn Unsicherheit oder Angst dein Leben stark einschränken, du Panikattacken hast oder viele Situationen deshalb vermeidest, wende dich bitte an eine Ärztin, einen Arzt oder an approbierte Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Nicht anwenden bei Psychosen, Epilepsie oder akuten Krisen. Nicht beim Autofahren hören.
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