Der Alltag ist ein einziges Ritual. Die immer wiederkehrenden Handlungen, Gedanken oder Schritte sind wie liebgewonnene Muster, die täglich wiederholt werden. Man kann auch sagen, sie sind Routinen, die ohne große Gedanken abgespult werden. Doch sie geben dem Nervensystem Struktur und Halt – besonders in Zeiten von großer innerer und äußerer Unruhe.
Alltagsrituale im Mini- oder Makroformat, wie ich sie meine, sind bewusste Handlungen, die der eigenen Entwicklung dienen und einen Sinn ergeben können. Gerade in der Wiederkehr der Handgriffe liegt eine große Kraft. Diese Energie kommt aus der Präsenz oder dem Gewahrsein, wie ich etwas ausführe. Ein Ritual kann Dankbarkeit, eine Hoffnung, ein Wunsch oder auch andere Gefühlsebenen ausdrücken. Es ist jedoch kein Ventil für unterdrückte Gefühle, aber ein Weg, eigene Gefühle auf gesunde Weise zu unterstützen. Es geht um die Intention, die ich damit verbinde. Das Ritual schenkt mir den Moment der Ruhe und der Sinnhaftigkeit.
Rituale schaffen Sicherheit & reduzieren Stress
Gedankenlosigkeit gibt es ja selten: Der Kopf denkt jeden Tag meist dasselbe … (aber das ist ein anderes Thema). Was wäre, wenn sich diese Gedanken fokussieren lassen; wenn sie in den einen Moment „gepackt“ werden?
Wenn am Morgen die erste Tasse Kaffee getrunken wird, dann ist das für den Körper „gewohnt“. In Verbindung mit einem Mini-Ritual werden jedoch mit derselben Handlung im Gehirn nach und nach neue Vernetzungen geschaffen. Dabei geht es gar nicht um die Gedanken, woher der Kaffee kommt (fair?) und welches Wasser (gereinigt?) ich dafür nehme. ==> Es geht um die sinnliche Art und Weise, wie ich den Kaffee für mich zubereite:
Nehme ich den Duft wahr?
Spüre ich die warme Tasse in der Hand?
Kann ich fühlen, dass sich mein Köper dabei entspannen kann?
Sage ich Danke für diese neue Tasse an jedem neuen Morgen?
Spüre ich schon mit Vorfreude den neuen Tag?
Was können gesunde Alltagrituale sein?
- Am Morgen zuerst gutes, warmes Wasser trinken: Der Vagusnerv kann sich entspannen
- Mit den Hand auf dem Bauch am offenen Fester tiefe Atemzüge nehmen
- Danke für den neuen Tag sagen
- Beim Frühstück eine Kerze anzünden
- Eine Karte aus einem Lieblingskartendeck ziehen
- Eine einzige Yogaübung machen
- Eine Minute summen
- In der Mittagspause mit der Hand auf dem Herz tiefe Atemzüge nehmen und das Herz spüren
- Zuhause einen eigenen Bereich mit besonders schönen Gegenständen schaffen
- Vom Wald- oder Naturspaziergang etwas mitbringen und bewusst als Kraftbringer sehen
- Zwischendurch sich immer wieder selbst in den Arm nehmen
- Am Abend die Füße hochlegen – am besten gut 10 Minuten lang
- Eine gesunde Zutat beim Essen ganz bewusst genießen: anschauen, riechen, langsam essen …
- Vor dem Schlafengehen noch einen einzigen Gedanken oder ein Symbol in den Kalender schreiben
- Beim Einschlafen alle Tagesgedanken in die Erde senden und „abgeben“
Selbstverständlich gibt es neben den Alltagsrituale noch s.g. Übergangsrituale, Zeremonien, Jahreskreisfeste, Hausreinigungsrituale, Initiationen, Lebensfest … sie alle haben den Charakter von bewussten Handlungen.
Für das Nervensystem ist es Balsam, wenn das Alltägliche zu einem kleinen Fest wird!
(c) Birgit Matz
Wissenschaftliches dazu hier:
Auszug aus der Publikation Nervenheilkunde 2022; 41: 374–380 / DOI 10.1055/a-1755-7982
ISSN 0722-1541 / © 2022 von Manfred Spitzer: Rituale: Kultur und Psychologie – Pro und Kontra
(c) Fotos: Pixabay: Danke!





